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Pflanzenschutz und Biodiversität – unvereinbar oder zwei Seiten derselben Medaille?

06.11.2019

Im Rahmen des Gesprächsformats „Landwirtschaft im Dialog“ lädt top agrar am 11. November zu einer Veranstaltung ein, in der es um die Vereinbarkeit von Pflanzenschutz und Biodiversität geht. Dabei soll es um Antworten auf die Frage gehen: Wie kann der Pflanzenschutz der Zukunft aussehen, der wirtschaftliche Erfordernisse der Landwirte mit der Sicherung von Boden, Wasser, Luft und Biodiversität in Einklang bringt?

Mitdiskutieren werden Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD), Agrarstaatssekretär Dr. Hermann Onko Aeikens, DBV-Umweltpräsident Eberhard Hartelt sowie Vertreter von Umweltverbänden, aber auch Wissenschaftler, Juristen, Berater und Landwirte. Dabei sein wird auch Saori Dubourg, Mitglied des Vorstands der BASF SE und verantwortlich für die Bereiche Agricultural Solutions, Construction Chemicals und Bioscience Research sowie die Region Europa. Sie hat top agrar im Vorfeld der Veranstaltung folgendes Interview gegeben:

Welchen Beitrag kann die Industrie für mehr Biodiversität leisten?

Dubourg: Biodiversität bedeutet Respekt für Natur und Mensch in einer Verantwortungsebene zu denken. Dabei gilt es, die Dilemmas unserer Zeit zu lösen. Wie finden wir die richtige Balance für eine moderne Landwirtschaft, Umwelt und die zukünftige Generation? Wie integrieren wir Produkte in diese Verantwortungsebene, die einerseits effizienter und andererseits ökologischer sind? Auch wenn es uns nicht jeden Tag gelingt, perfekt zu sein, arbeiten wir entschlossen an Antworten zu diesen Fragen. Gemeinsam können Unternehmen mit Wissenschaft und anderen Stakeholdern sich mit innovativen Lösungen für eine moderne und nachhaltige Landwirtschaft einbringen.

Wir arbeiten dabei ganz gezielt an Klimawandel bezogenen Lösungen für die Landwirtschaft und die Gesellschaft. Die Forschungsarbeiten sind intensiv und mit hohen Kosten verbunden. Daher ist es wichtig, langfriste Planungssicherheit zu haben, auch in den Zulassungsverfahren.

Biodiversität und Pflanzenschutz schließen sich nicht aus, vielmehr ergänzen sie sich. - Dubourg

Wir können die Produktivität der Landwirtschaft erhöhen und so den Bedarf an zusätzlichen landwirtschaftlichen Flächen minimieren. Dazu gehören auch Produkte des biologischen oder chemischen Pflanzenschutzes wie z.B. unsere neue Innovation Revysol. Ein Fungizid, das nicht nur eine gute biologische Leistung mit sich bringt, sondern auch ein sehr gutes ökologisches Profil vorweist und die Umwelt schont.

Dazu gehören aber auch moderne Züchtungsmethoden, die uns helfen, Pflanzen weniger anfällig gegen Krankheiten zu machen und die Behandlungsintensität durch Pflanzenschutz zu reduzieren. Oder Züchtungen, die Pflanzen Stress-tolerant oder Trocken-resistent machen. Es ist wichtig, weiter zu denken. So können Lebensräume zur Unterstützung der Artenvielfalt geschaffen werden, wenn wir gezielt diese Räume außerhalb der Ackerfläche (z.B. Blühstreifen, Feldraine) nutzen oder sie in die Ackerfläche integrieren (z.B. Feldlerchenfenster).

Es geht um einen konsequenten Mix aus unterschiedlichen Maßnahmen und der richtigen Einstellung. Wenn wir unsere Ziele erreichen wollen, brauchen wir einen gemeinsamen ehrlichen Dialog, über das was machbar aber auch notwendig ist. Weiter halte ich es für wichtig, bei unserem Streben nach Antworten und Lösungen, die Gesellschaft mitzunehmen. Wenn wir Emotionen über Fakten stellen, springen wir möglicherweise zu kurz. Wir dürfen nicht vergessen, uns mehr in den öffentlichen Diskurs einzubringen und über den Wert der Wissenschaft und den Mehrwert neuer Produkte zu sprechen, und zwar faktenbasiert.

Netzwerke können helfen, das Thema noch stärker und transparenter anzupacken. 2013 haben wir daher auch das BASF FarmNetzwerk Nachhaltigkeit ins Leben gerufen. Heute sind 53 Betriebe dort zusammengeschlossen, die eine Fläche von 63.535 Hektar bewirtschaften. Auf vielen Betrieben lassen wir die Wirkung von Biodiversitätsmaßnahmen durch Experten aus dem Natur- und Umweltschutz kontinuierlich prüfen.

Wie sieht für Sie der Pflanzenschutz der Zukunft aus? An welchen Alternativen arbeiten Sie?

Dubourg: Pflanzenschutz der Zukunft versteht es, die Bedürfnisse aus Natur, Landwirtschaft und Gesellschaft mit großem Respekt in Balance zu bringen. Wir sehen einen Paradigmenwechsel hin zu einem wertedefinierten Wachstum. Dabei sind wir Zeugen eines neuen Aufbruchs: Ackerbau in Wolkenkratzern, Urban Farming, Mähdrescher als rollende Analyselabore und nicht zuletzt das Smartphone – das sind Beschreibungen für die Landwirtschaft der Zukunft.

Zwei Herausforderungen begleiten uns dabei: Land und Zeit. Das Land auf der Welt für Menschen und Landwirtschaft wird knapper und knapper. Bevölkerungswachstum und Klimawandel sind prognostizierte Herausforderungen: Haben wir die Zeit, Klimaschutz und Artenvielfalt und die steigende Nachfrage nach Lebensmitteln in Balance zu halten? Noch immer verlieren wir ca. 30% vor der Ernte durch Unkräuter, Schädlinge oder Pilze. Und das können wir uns nicht leisten, wenn wir eine stabile Versorgung mit Lebensmitteln wollen. Auch in Deutschland nicht.

Wir könnten den Bedarf an Obst und Gemüse nicht alleine durch lokale Produkte sicherstellen und müssten noch mehr importieren, als im Moment schon. Neben dem Fokus auf Forschung und der Verfolgung von alternativen Züchtungsmethoden, brauchen wir einen klaren Fokus auf digitale Lösungen. Wir stehen zum Beispiel erst am Anfang der Möglichkeiten der Digitalisierung, die die Landwirtschaft disruptiv verändern wird. Digitalisierung bedeutet das Ende des Industriezeitalters und die Umwandlung hin in eine datengetriebene Plattformökonomie. Da sind wir mit xarvioTM gut aufgestellt. Diese Technologie unterstützt Landwirte dabei, ihre Ressourcen effizienter einzusetzen mit weniger Auswirkungen auf die Umwelt und einer Steigerung von Biodiversität auf ihrem Land. Landwirte können Technologien wie Bilderkennung via Satelliten nutzen, um den richtigen Zeitpunkt für den Pflanzenschutz zu bestimmen und die Produkte optimal zu dosieren und punktgenau auszubringen. Nur dort, wo sie benötigt werden. Das hilft, um die Aufwandmenge pro Hektar an biologischem oder chemischem Pflanzenschutz zu reduzieren.

Wie nehmen Sie als internationales Unternehmen die Diskussion um Pflanzenschutz in Deutschland wahr?

Dubourg: Teilweise sehr emotional und politisch und das wird weder den Landwirten, noch der Umwelt oder dem Industriestandort Deutschland gerecht.

Egal ob Chemieproduzent, Industrie, Verbraucher oder Landwirtschaft – wir alle sind in diesem Kontext Problemverursacher und Problemlöser. - Dubourg

Wir haben alle zusammen eine große Mitverantwortung für die Zukunft der Landwirtschaft. Diese Verantwortung ist nicht teilbar und in ihr muss jeder seinen Beitrag leisten. Was wir wollen, ist Teil der Lösung zu sein.

Es ist einfacher, Dilemmas zu beschreiben und aufzuzeigen. Es ist aber schwieriger, Dilemmas zu lösen. Was wir dafür benötigen ist ein gemeinsamer Weg aller Stakeholder. Einen Weg, der Lösungen gegen Wasserknappheit, erodierende Böden, Klimawandel und Lösungen für den Erhalt der Artenvielfalt in sich trägt. Einen Weg, der Menschen angemessen „satt“ macht und der die besten technologischen Lösungen beschreibt, um den immer kleiner werdenden Raum Erde effizient und nachhaltig zu nutzen. Einen Weg, der die richtige Balance für die Umwelt, die Landwirtschaft und für kommende Generationen findet.

Ich lade gerne alle Beteiligten zu einem offenen Dialog ein, der geprägt ist von einem Miteinander und nicht vom Gegeneinander. Im Zentrum steht die Erarbeitung von Lösungen auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse und nicht die Beschreibung von Problemen. Wenn wir alle davon überzeugt sind und uns nicht in der Realisierung dieses Ziels beirren lassen, können wir vielleicht ein Gegenwartsdilemma von der Tagesordnung nehmen.

Weitere Informationen zu der Veranstaltung am 11. November finden Sie über folgenden Link: https://www.topagrar.com/acker/news/basf-produktivitaet-der-landwirtschaft-erhoehen-11863878.html.

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